Frau Hoffmann oder das Wasser des Lebens

Früher einmal, in meinen jungen Jahren, muß ich einen Charme besessen haben, der nahezu unheimlich auf Frauen gewirkt hat. Zumindest auf ältere Frauen. Und sie durften nicht aus meinem unmittelbaren Familienumfeld stammen. Denn bei meiner Mutter, bei meiner Oma oder auch bei Tanten wirkte er nie.

Später, so zwischen meinem achten und neunten Lebensjahr, muß ich ihn dann wohl irgendwie verloren haben.

 

Eigentlich schade. Ich hätte ihn später noch manchmal gut gebrauchen können.

 

Aber damals, als ich zwischen vier oder fünf Jahre alt war, hatte ich ihn noch. Sonst wäre es auch sicherlich nicht zu dieser Geschichte gekommen. 

 

Wir wohnten 1948 in der Schwanthaler Straße im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen. In drei kleinen Mansardenzimmern im fünften Stockwerk eines Hauses, dass von den Zerstörungen des Krieges verschont geblieben war.

Wir, das waren meine Oma, mein Vater und meine Mutter, mein Bruder Rober meine damals "kleine" Schwester Heike sowie mein Onkel Fritz und Tante Fanny. Ganz schön viele Menschen in drei kleinen Zimmerchen, die auch noch schräge Wände hatten.

 

Aber es gab ja zu dieser Zeit in der zum Großteil zerbombten Stadt kaum Wohnraum. Meine Eltern hatten mit meinem Bruder und mir nach dem Krieg zunächst in Kiel bei meinen anderen Großeltern gelebt. Aber meinen Vater zog es zurück in seine Heimatstadt. Hierbei ging es wohl in erster Linie auch um wirtschaftliche Gründe und um überhaupt eine Arbeit zu finden. Es war damals sehr schwierig gewesen überhaupt eine Zuzugsgenehmigung nach Frankfurt zu erhalten. Aber schließlich hat es dann doch geklappt und wir sind bei Oma in der Mansarde gelandet.

 

Zwar ging es uns auch hier nicht viel besser, aber mein Vater hatte zumindest Arbeit. Etwas     zum Essen konnte man zu der Zeit, wenn überhaupt, nur mit Hilfe von  Lebensmittelkarten kaufen und das war nicht gerade ausreichend was man da als Zuteilung bekam. Trotz Schwerarbeiterzulage für meinen Vater. Aber so ging es zur damaligen Zeit allen. Fast allen.

 

Denn es gab auch Ausnahmen. Und eine dieser Ausnahmen war Frau Hoffmann. Sie wohnte im gleichen Haus wir wir. Und zwar in einer sehr großen Wohnung in der vierten Etage, also genau unter uns. Sie war eine sehr nette und immer sehr freundliche Frau, oder besser gesagt wohl eher eine Dame.

 

Als ich eines nachmittags vom Kindergarten nach hause kam war niemand von meiner Familie daheim. Damals gab es noch keine sogenannten Schlüsselkinder und ich so setzte mich also auf halber Höhe zwischen der vierten  und fünften Etage auf den Treppenabsatz und wartete.

Nach einiger Zeit kam Frau Hoffmann die Treppe herauf, sah mich dort sitzen und begann sich mit mir zu unterhalten. Es muß kein sehr tiefgehendes Gespräch gewesen sein, denn ich kann mich heute nicht mehr daran erinnnern über was wir gesprochen hatten.

 

Aber an eines erinnere ich mich noch ganz genau. Da es ein sehr heisser Tag gewesen sein muß - damals gab es ja noch richtige Sommer - bat ich sie um ein Glas Wasser.

Sie ging in Ihre  Wohnung und erschien kurze Zeit später mit einem Glas in der Hand, dessen Inhalt wohl das köstlichste Getränk war, dass ich je genossen hatte. Zumindest bis zu diesem Tag. Es prickelte und perlte über meine Zunge und schmeckte als käme es direkt vom Himmel.

Heute weiss ich natürlich das es ein ganz normales Mineralwasser aus aus einer der unzähligen Quellen des hessichen Umlandes war. Aber für mich war es das Schönste und das Beste was mir je widerfahren war. 

 

Und an diese Köstlichkeit mußte ich wieder gelangen. Egal wie.

 

Ich bedankte mich also sehr höflich wie ich es gelernt hatte, gab ihr das bis auf den letzten Tropfen geleerte Glas zurück und Frau Hoffmann verschwand hinter ihrer Wohnungstür.

 

Als ich am nächsten Nachmittag aus dem Kindergarten kam kletterte ich erst garnicht bis in den fünften Stock zu unserer Wohnung, sondern machte gleich im vierten, vor Frau Hoffmanns Tür eine Pause.

Zu meiner Entschuldigung könnte ich anführen, dass das Gebäude ja ein Bürgerhaus aus der Vorkriegszeit war. Diese Häuser waren damals noch mit einer herrlichen Deckenhöhe von 3,50 m gebaut worden und entsprechend musste man ja mehr Treppenstufen bewältigen als bei den heute üblichen 2,45 m.

 

Und für einen viereinhalbjährigen Knirps waren vier Stockwerke eine ganz schöne Leistung. Zumal ich ja die gesammten Stufen in einem Zug und sehr schnell bewältigt hatte, weil mich ja oben eine besondere Köstlichkeit erwartete. So hoffte ich zumindest.

 

Heute bin ich übrigens wieder soweit, dass ich das Ersteigen von vier Stockwerken als eine besondere Leistung betrachten kann.

 

Jedenfalls machte ich nach besagten vier Etagen halt, setzte eine Erschöpfungsmine auf, klingelte bei Hoffmanns an der Wohnungstür und fragte die mir freundlich öffnende Frau Hoffmann:

"Mir ist so heiß, hätten sie bitte ein Glas Wasser für mich?"

 

Eine solche Bitte eines kleinen Jungen, der sichtlich erschöpft mit traurigen Kinderaugen vor ihr stand, konnte sie natürlich nicht abschlagen. Und so verschwand sie eilig in ihrer Küche und erschien nach kurzer Zeit mit eienm Glas des wunderbaren, belebenden Getränkes und sagte:

"Hier mein Junge, trink und lass dir ruhig Zeit. Wenn du fertig bist kannst du ja klingeln und mir das Glas zurück geben."

Ich setzte mich also vorsichtig, damit ich ja nichts verschütte,  auf die unterste Treppenstufe die zu unserer Dachgeschoßwohnung führte. Dort trank ich dann in langsamen, kleinen Schlückchen das Glas leer damit ich es ja lange geniessen konnte. 

 

Und von diesem Tag an war ich süchtig. Süchtig nach diesem so einzigartigem Getränk. Und so wurde es in den nächsten Wochen zu einem festen Ritual, dass ich den Weg immer nur bis zur Tür von Frau Hoffmann schaffte und ich ihr - wie ich glaubte - überzeugend versicherte dass es mir so heiß sei und ich dringend ein Glas Wasser bräuchte. Dieser Bitte wurde wurde auch immer entsprochen.

 

Über drei Wochen gingen ins Land bis jemand aus meiner Familie die ganze Geschicht  spitz bekam. Es war meine Oma die eines Tages Frau Hoffmann im Treppenhaus traf und von ihr folgendes erfuhr:

"Ihr ältester Enkel ist ja ein solch nettes, höfliches und wohlerzogenes Kind,. Jeden Tag, wenn bei ihnen niemand zuhause ist wenn er aus dem Kindergarten kommt, klingelt er bei uns und bittet um ein Glas Wasser. Wirklich reizend der Kleine."

 

Meine Oma fiel aus allen Wolken. Denn natürlich war bis auf die eine Ausnahme immer jemand der Erwachsenen zuhause gewesen wenn ich aus dem Kindergarten kam. Sie bedankte sich mit einem gequältem Lächeln bei Frau Hoffmann  und stellte mich anschließend zur Rede.

Sie wollte unbedingt wissen was ich mir bei der ganzen Geschichte gedacht hatte. Wir seien doch schließlich keine Bettler. und dann verbot sie mir jemals wieder bei Frau Hoffmann zu klingeln und nach einem Glas Wasser zu fragen.

 

Zwei oder drei Tage hielt ich mich an das Verbot. Aber dann wurde die Sucht wieder stärker als ich. Beim ersten Versuch ging es noch gut und ich bekam mein heißersehntes Wasser mit dem Prickeln auf der Zunge.

Aber schon beim zweiten mal am nächsten Tag wurde ich von meiner Oma erwischt, denn sie kannte - wie sie mir versicherte - ihre Pappenheimer.

 

Am selben Abend wurde es dann brühwarm meiner Mutter erzählt. Diese erneuerte das Verbot und erklärte, dass sie es bei einer wiederholten Übertretung Papa erzählen würde. Das war ein Argument, dass immer half wenn sie etwas durchsetzen wollte. Denn vor ihm hatte ich gehörigen Respekt.

 

Selbst heute noch zeigt dieses Verbot noch seine nachhaltige Wirkung. Denn wenn ich irgendwo zu Gast bin und mir die Dame des Hauses  mir ein Glas Wasser anbirtr, lehne ich dies dankend ab und lasse mir lieber ein Bier oder ein Glas Wein reichen.

 

Und wie man sieht, bei den Frauen meiner Familie wirkte mein Charme nicht.  Eigentlich schade.

 

Ferdinand Martin