Wie sieht denn der Nikolaus aus?

Eigentlich hatte ich mir – gelenkt von frühen kindlichen Erinnerungen – den Nikolaus ganz anders vorgestellt. So im roten Mantel und weißem Bart. Stattdessen war sein Mantel dunkelgrau und auch weit und breit kein weißer Bart. Und auch seine Begleitung, Knecht Ruprecht und seine Gesellen wollten so gar nicht in mein Bild passen. Obwohl, dunkel und braun sahen sie ja alle aus.....!

 

Aber ich will die Geschichte vom Anfang an erzählen.

 

Es war ein trüber, grauer und verregneter 6. Dezember Anfang der sechziger Jahre. Und genau so grau und trüb war es auch uns zumute.

 

Mit uns meine ich meinen Freund Bernd-Otto - kurz BO genannt – und mich. Wir beide hatten eigentlich ursprünglich vor gehabt, an diesem Abend in die Kongresshalle am Frankfurter Messegelände zu sein. Schließlich gab unser großes Idol Louis „Satchmo“ Armstrong dort an diesem Tag ein Konzert. Aber wir hatten uns zu spät um die Karten gekümmert. Das Konzert war ausverkauft und wir standen mit leeren Händen da.

 

Was also tun? Die Frage war, trafen sich auch heute, wie immer freitags, einige Jazz-Begeisterte im „Down by the Riverside“ am Mainkai und man spielte wie stets in unterschiedlichster Zusammensetzung etwas Dixieland? Oder war die Stadt verwaist weil alle zum Konzert waren?

 

Die Frage war leicht zu klären, denn das Lokal befand sich nur drei Häuser weiter in der gleichen Straße neben meinem Elternhaus in dem ich damals noch wohnte. Früher war es einmal eine „bürgerliche Kneipe“ in der Nachbarschaft gewesen, das man getrost als Stammlokal der Familie bezeichnen konnte. Aber seit zwei Jahren führte dort Lizzy das Zepter. Sie war das Urbild das man damals landläufig von einer schwarzen Amerikanerin hatte. Ein großer Resonanzkörper für eine der besten Stimmen für Blues und Gospels die ich je gehört hatte.

 

Seit Lizzy das Lokal übernommen und umgetauft hatte war der kleinbürgerliche Mief verschwunden. In der Ecke des nur 70 m² großen Lokals stand ein komplettes Schlagzeug, ein Klavier und ein Kontrabass. An den Wänden hingen Blech- und Holzblasinstrumente sowie Banjo und Gitarre. Wer immer Lust auf Musik hatte – hin und wieder auch einige prominente Jazzer - schnappte sich „sein“ Instrument – die Bläser hatten ja eh immer ihr Mundstück in der Tasche - und legte los. Schon nach kurzer Zeit fanden sich Mitspieler und es wurde richtig los gejazzt.

 

Also gingen wir gegen 21 Uhr hin, um die Lage zu peilen. Zu unserer Überraschung waren sogar schon mehrere Leute da und einer davon saß am Klavier und spielte einen ganz traurigen Blues. Wahrscheinlich trauerte er auch um eine verpasste Eintrittskarte.

 

BO schwang sich auf den Hocker hinter dem Schlagzeug, ich schnappte mir den Bass und ziemlich schnell hatten wir auch einen Gitarristen und einen Banjospieler an unserer Seite. Lizzy brachte unaufgefordert eine Runde Bier und schon ging die Post ab.

 

Wir spielten uns den Frust über das verpasste Konzert von der Seele und bemerkten kaum wie die Zeit verrann. Hier und da eine kleine Pause, eine Runde Bier oder ein bisschen reden und weiter jazzen.

 

Ehe wir uns versahen zeigte die Uhr hinter dem Tresen halb zwölf. Ich stand mit dem Rücken zu Tür und wir spielten gerade den „Bassin-Street-Blues“, bei dem ich mit tiefergelegter, rauchiger Stimme versuchte unser Idol „Satchmo“ zu imitieren. Mein Freund BO, der hinter seiner „Schießbude“ saß hatte mir gerade durch Zeichen zu verstehen gegeben, dass er gleich eines seiner gekonnten Soli bringen wollte, als er mit offenem Mund an mir vorbei auf die Tür des Lokals starrte und – was bei ihm äußerst selten vor kam - fast aus dem Takt kam.

 

Aber dann fing er sich wieder und ein breites Grinsen übernahm die Vorherrschaft in seinem Gesicht. Und hinter meinem Rücken erklang mit der originalen Stimme des Mannes den ich gerade zu kopieren versuchte, der Satz: „Oh Boy, you're playing the wrong instrument!“ dem ein tiefes, herzhaftes Lachen folgte.

 

Wie vom Blitz getroffen fuhr ich herum und starrte entgeistert zur Tür. Ich muss wohl einen ziemlich blöden Eindruck gemacht haben, denn dort stand Satchmo himself und schüttelte sich vor Lachen.

 

Mit blitzenden Augen und strahlendem Lachen kam er auf mich zu, klopfte mir auf die Schulter, nickte den anderen zu und sagte: „Let`s go“

 

Nach einem kleinen Moment der Verblüffung begann BO sein Schlagzeug zu bearbeiten und wir anderen fielen ein während er mit kraftvoller, tiefer Stimme anfing zu singen und mir bedeutete mitzusingen.

 

Nur zögernd leistete ich der Aufforderung Folge. Aber dann machte es einen Heidenspaß.

 

Erst nachdem wir das Lied beendet hatten ging er hinüber zu Lizzy, umarmte sie herzlich und begrüßte sie mit Küsschen. Wie Lizzy uns später erzählte kannte sie sich schon sehr lange und er war nur hier her gekommen um sie mal wieder zu sehen. Auch seine drei Begleiter aus seiner Band – allesamt Farbige – waren alte Bekannte von ihr.

 

Es wurde eine lange Nacht mit vielen erzählten Geschichten, Lachen und Musik machen.

 

Um Viertel nach eins – kurz nach der Polizeistunde, zu der alle Lokale schließen mussten die keine Nachtkonzession hatten – kam eine Polizeistreife vorbei und wollte darauf aufmerksam machen, dass Feierabend sei. Aber als die Beamten sahen wer dort am Tresen saß, zogen sie sich nach ein paar Minuten - ohne etwas zu sagen – still zurück.

Allerdings muss sich über Funk die Nachricht wie ein Lauffeuer in der Stadt verbreitet haben. Denn alle paar Minuten schauten zwei andere Polizisten kurz herein und wurden mit großem Hallo begrüßt.

 

Erst gegen fünf Uhr morgens ließen sich die vier ein Taxi rufen und entschwanden in die Nacht.

 

Seit dieser Nacht hat sich mein Bild vom Nikolaus stark verändert und ich frage mich noch heute – rund fünfzig Jahre danach – wen ich denn nun in dieser Nacht getroffen habe.

 

 

Ferdinand Martin